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Wandern auf einem schlafenden Vulkan – Die Insel Nisyros

Es gibt viele Inseln in Griechenland. Einige sind ganz berühmt und entsprechend vom Tourismus überlaufen. Andere haben ein Schattendasein. Dies sind die Inseln, die noch voll von Geheimnissen und unbekannten Naturschönheiten sind. Im Gegensatz zu den Tourismuszielen haben diese Inseln ihren Charakter bewahrt.   Ein guter Wegweiser zu reizvollen Gegenden ist eine geologische Karte. Griechenland liegt auf einer der interessantesten Zonen der Erdkruste. Hier ist immer etwas in Bewegung. Die Afrikanische Platte schiebt sich unter die Europas und Kleinasiens. Gewaltige Kräfte suchen sich ihren Ausweg aus dem Erdinneren. In einer bogenförmigen Zone, nördlich der Insel Kreta liegt die geologisch interessanteste Region Südosteuropas. Denn hier quellen die in der Tiefe aufgeschmolzenen Gebirge in Form aktiver Vulkane an die Erdoberfläche. Noch ist die Aktivität der griechischen Vulkane keineswegs beendet! Die Halbinsel Methana, die Insel Milos, die Insel Santorin und vor allem die Insel Nisyros sind Gebiete, in denen in Zukunft weitere Vulkanausbrüche zu erwarten sind.
Besonders Nisyros ist seit einigen Jahren in das Interesse der Vulkanologen gerückt. Um 1996 gab es in der Region zahlreiche Erdbeben, die auf die Umgebung der fast kreisrunden Insel konzentriert waren.
Im Hauptort Mandraki wurden einige Häuser beschädigt. In der Seismologie (Erdbebenforschung) sind Erdbebenstöße in der Umgebung von Vulkanen immer eine Warnung. Denn sie können darauf hindeuten, dass im Untergrund heißes Magma in höhere Gesteinsschichten aufsteigt und bald Vulkanausbrüche folgen können.
 
Die letzte Eruption, die heiße Lava förderte liegt zwar schon ca. 25.000 Jahre zurück, aber heiße Gaseruptionen gab es in der Zeit von 1871-1887.
 
Seit 2000 wird die Insel im Rahmen des EU-Projekt GEOWARN intensiv erforscht. In dieser Kooperation der wichtigsten europäischen Universitäten wird an einem Frühwarnsystem gearbeitet, dass jederzeit drohende Vulkanausbrüche rechtzeitig vorhersehen lässt und die Evakuierung der lokalen Bevölkerung ermöglicht.
 
Nisyros kann man landschaftlich zu den schönsten Inseln der Ägäis zählen. Hier dominiert nicht der graue Kalkstein und karge Boden, sondern fast das ganze Jahr findet grüne Berghänge und kleine Eichenwälder vor.
 
Ein Wanderparadies!
 
Die Landschaft ist bergig und erreicht am Gipfel des Prophiti Ilias 698 m. In der Mitte der Insel erstreckt sich das mit Olivenbäumen und Mandeln bepflanzte Kratertal. Die vier kleinen Dörfer können es mit den berühmten Dörfern auf Mykonos oder Paros an Schönheit aufnehmen.
 
Den Besuch der Insel wird man zwangsläufig mit dem Besuch der Insel Kos verbinden. Dorthin fliegen günstige Charterflieger. Wer genug Zeit hat, kann auch auf Kos zahlreiche Sehenswürdigkeiten besuchen und in einem der zahlreichen Hotels übernachten. Abends kann man sehr schön am antiken Markt flanieren, tagsüber das Asklepios-Heiligtum oder die venezianische Burg besichtigen. Kos ist ein vom Tourismus dominierter Ort und, wer ursprüngliche Natur und einsame Wanderrouten sucht, wird sich hier etwas verloren fühlen...
 
Aber gegen den Frust gibt es ein gutes Mittel: Entweder man nimmt sich die nächste Fähre, die an Nisyros halt macht oder man fährt mit  Expressboot von Kardamena aus nach Mandraki!
Kardamena ist so eine Art „Mallorca“ auf Kos und man ist froh, wenn sich die „MS Chrysoula“ endlich aus dem kleinen Hafen bewegt.
 
Und die Aussichten sind berauschend!
 
Das Schnellboot pflügt durch das tiefblaue Meer der Ägäis. Zuerst kann man in der Umgebung einen konischen Felsen entdecken: Die kleine Vulkaninsel Strongyli.
Dann geht es quasi um die Ecke und das Schnellboot macht seinen ersten Halt: Die Insel Yali besteht fast ausschließlich aus vulkanischem Glas und anderen wichtigen Rohstoffen, die industriell abgebaut und in die ganze Welt exportiert werden. Hier steigen ein paar Arbeiter ein, die nach hause fahren. Die „Chrysoula“ fährt am langem Förderband vorbei, an dem ein Frachtschiff festgemacht hat und nimmt Kurs auf Nisyros. Vom Schiff aus kann man schon von weitem die für Vulkane typische, konische Form bewundern.
 
Bald tauchen die ersten Dörfer aus dem Dunst auf. Mandraki ist der Hauptort von Nisyros und sein Hafen. Dort sind zur Mittagszeit nur wenige Leute unterwegs und Touristen sucht man vergebens. Nur wenige Griechenlandkenner kennen die Insel.
 
Gleich neben dem Hafen findet man ein paar kleine Pensionen, wie die familiäre Unterkunft „Tria Adelfia“. Wer möchte, kann es noch etwas komfortabler haben und das Hotel Haritos oder Porfyris nutzen.
Überall ist man auf Nisyros noch willkommen und es ist normal, dass die Nisyrer am ausländischen Gast Interesse haben. Hier hat man noch Zeit für ein Schwätzchen und schnell sind neue Freunde gefunden. Als Wanderer ist man natürlich besonders gerne gesehen, denn im Gegensatz zu Tageausflüglern bleiben sie ein paar Tage länger und interessieren sich intensiv für die Region.
Um sich auf die Wanderungen einzustimmen, sollte man es nicht verpassen, erst einmal in Ruhe den Hauptort zu erkunden. In zahlreichen kleinen Gässchen findet man schöne Inselhäuser und versteckte Kapellen.
Keiner hat etwas dagegen, wenn man sich ein Kirchlein in Ruhe auch mal von Innen ansieht. Dort hängen oft noch uralte Ikonen und in manch einer Kapelle sind antike Säulenkapitelle verbaut.
 
Denn so klein die Insel erscheint, hat sie doch eine beeindruckende antike Vergangenheit hinter sich. Noch gibt es zwar keine systematischen Ausgrabungen auf Nisyros. Aber, wer zur nahen Akropolis Paliokastro spaziert, wird eine der am besten erhaltenen Festungen des antiken Griechenlands bewundern können.
Riesige Quader wurden aus dem stahlharten Vulkangestein geschlagen. Selbst mit moderner Technologie wäre auch heute so ein Bauwerk nur schwer zu machen. Das Eingangstor der Akropolis ist vollkommen erhalten. Ein paar Türme stehen noch bis zu einer Höhe von 3-6 Metern. Von den Mauern blickt man auf Mandraki und das Ägäische Meer und bis zur türkischen Küste. Auf einem Feld innerhalb der Festungsmauern entdeckt man ein paar perfekt erhaltene, korinthische Säulenkapitelle.
 Wie auf allen Festungshügeln (Akropolen) lag auch hier in der Antike sicher mehr als nur ein Heiligtum mit Tempeln und Opferaltaren. Viel Arbeit wartet auf die Archäologen...
 
Nach dem Besuch des Paliokastro kann man auf den kleinen Feldwegen in Sichtweite Mandrakis durch die Felder spazieren. Hier kommt der Reptilien-Fan voll auf seine Kosten! Auf den Mauern aus Vulkangestein warten „die Drachen von Nisyros“ auf ihre Beute. Die bis zu 45 cm langen Echsen gehören zu den Agamen (Agame stelio). Sie flüchten geräuschvoll, sollte man ihnen zu nahe kommen. Wer früh am Morgen kommt, kann sie aus der Nähe beobachten. (Warnung! Besser nicht fangen, denn die Echsen haben sehr kräftige Kiefer und ein Biss kann langwierige Infektionen zur Folge haben!). Giftige Schlangen sind mir bisher nicht auf Nisyros begegnet, jedoch sollte man im hohen Gras immer etwas heftiger auftreten, damit eventuell vorhandene Schlangen rechtzeitig gewarnt sind und flüchten können.
Das Hauptziel der Insel ist für fast alle Besucher der aktive Kraterbereich in der Kaldera (Kesseltal in der Mitte der Insel). Man kann auch mit dem Bus oder dem Taxi dorthin gelangen. Aber viel schöner ist es auf kleinen Pfaden dorthin zu spazieren.
 Die Route beginnt bei der Akropolis. Dort beginnt am Helikopterlandeplatz ein Fahrweg der bergauf führt. Nach etwa 1 km geht es rechts in Serpentinen hangaufwärts voran. Man kann einem kleinen, ehemaligen Hohlweg folgen oder dem Fahrweg folgen. Das spart ein bisschen Zeit und da so gut wie nie ein Fahrzeug kommt, wird der Genuss der Wanderung nicht getrübt.
 
Am Wegrand wachsen Zistrosen und überall duftet es würzig. Im Mai entdeckt man sogar seltene Orchideen (Ophrys anatolica). In den kleinen Eichenwäldern am Wegrand sollte man etwas aufmerksamer ins Geäst schauen! Denn auch dort lauern die typischen Echsen. So manch ein Singvogel wird ihr Opfer...
Bald wird der Weg flach und ein kleines Tal tut sich auf. Dort befindet sich an einem kleinen Platz die Evangelistria-Kapelle. In großer Schrift hat man auf den zementierten Platz davor „Herzlich Willkommen“ („Kalos Orisate“) gekalkt. Und an der Kapelle gibt es einen kleinen Wasserhahn, an dem man seine Trinkwasserreserven auffüllen kann. (Bitte nicht vergessen, den Hahn anschließend zu schließen, damit nicht das kostbare Zisternenwasser verloren geht!).
 
Man orientiert sich nun am Berghang, der südlicher Richtung gegenüber liegt. Dorthin führt ein deutlich eingefasster Steinplattenweg. Das wunderschöne Tal wird von beeindruckenden Vulkandomen umrahmt und von zahlreichen Eichen beschattet. Der Wanderweg führt am östlichen Hang „Kato Lakki“ entlang. Am Wegrand gibt es ganze Wiesen aus Farn und es blüht im Frühling an allen Ecken...
 
(Fortsetzung auf einer gemeinsamen Wanderreise! :-)